Thomas Cardin im Interview: „Diese CCC wird meine Vorbereitung auf den nächsten UTMB“
Auf Distanzen zwischen 50 und 80 Kilometern war Thomas Cardin (KIPRUN) lange eine Klasse für sich. In dieser Saison hat der Franzose den nächsten Schritt gemacht und sich auch über 100 Kilometer und darüber hinaus bewiesen. Bei der Western States 2026 wurde der mittlerweile professionelle Trailrunner und Grundschullehrer hervorragender Vierter und blieb dabei unter dem alten Streckenrekord des legendären Rennens. Den 120-Kilometer-Lauf des Chianti Ultra Trail gewann er. Nun zählt er bei der CCC über 101 Kilometer und 6050 Höhenmeter am Freitag zu den Favoriten. Interview live aus Chamonix.
Thomas, warum haben Sie sich dafür entschieden, nach der Western States auch noch die CCC zu laufen?
Eigentlich wollte ich die CCC schon im vergangenen Jahr laufen, habe aber abgesagt, um mich auf die Weltmeisterschaft am Saisonende zu konzentrieren. Ich hatte dieses Rennen also seit zwei Jahren eingeplant. Dieses Jahr soll die CCC nun eine starke Saison 2026 abrunden. Ich will so konkurrenzfähig wie möglich sein und versuchen, das Rennen zu gewinnen. Gleichzeitig ist sie ein Schritt auf dem weiteren Weg: Nächstes Jahr möchte ich den UTMB laufen. Die CCC ist der erste Schritt in diesem UTMB-Projekt.
Das heißt, Sie wollen im nächsten Jahr das Double aus Western States und UTMB versuchen?
Ja, und ich bin nicht der Erste, der diese Kombination versucht. Der UTMB wird für mich im nächsten Jahr aber eher eine Entdeckungsreise sein. Beim UTMB wirklich um eine Top-Leistung zu laufen, ist ein langfristiges Projekt. Ich will nichts überstürzen. Ich bin 30, und wenn ich sehe, wie motiviert und leistungsfähig Ludovic Pommeret in seinem Alter noch ist, denke ich: Ich habe Zeit. Auf dieser Distanz ist Erfahrung manchmal wichtiger als körperliche Frische und ein junges Alter.
Sie sind relativ schnell auf die 100-Meilen-Distanz gewechselt und haben bereits eine sehr umfangreiche Saison hinter sich. Ist das im Hinblick auf die CCC ein Problem?
Das ist eine der Unwägbarkeiten dieser CCC. Seit Jahresbeginn und sogar schon seit Anfang Dezember vergangenen Jahres bin ich ziemlich viele Rennen gelaufen. Die CCC wird mein vierter Ultra über 100 Kilometer sein. Da dies mein erstes Jahr auf solch langen Distanzen ist, kann ich nur schwer einschätzen, wie gut ich mich von diesen Belastungen erholt habe. Die Trainingseinheiten liefen sehr gut, mit vielen Höhenmetern und viel Zeit im Gebirge. Trotzdem weiß ich nicht, ob mein Körper zehn Stunden intensiver und langer Belastung standhalten wird. Das werden wir schnell sehen. Und daraus werden wir auch für nächstes Jahr lernen.
Ich möchte auch keine unnötigen Risiken eingehen. Ich denke, das Risiko können ruhig die anderen übernehmen.
Wie hat Ihr Körper bisher auf die Belastungen reagiert?
Ich fühle mich fit und habe mich von der Western States gut erholt. Seit fast sechs Monaten habe ich ein gutes Körpergefühl. Anfang des Jahres hatte ich mich verletzt, und zu der ursprünglichen Verletzung kamen noch kleinere Beschwerden hinzu. Ich habe es aber geschafft, wieder schmerzfrei zu werden. Die Vorbereitung lief sehr gut, ich habe viele Stunden im Gebirge verbracht. Deshalb bin ich vor dieser CCC zuversichtlich. Ich werde aber keine großen Risiken eingehen und nicht versuchen, bis ans Limit zu gehen. Ich will einfach ein möglichst sauberes Rennen laufen.
Nimmt Ihnen der Erfolg bei Ihrer ersten Western States etwas Druck für die CCC?
Sagen wir es so: Meine Saison ist schon jetzt erfolgreich, ganz egal, was passiert. Aber die CCC ist ein großes Rennen und eines der am stärksten besetzten Rennen des Jahres über 100 Kilometer. Das wird großartig, und ich kann es kaum erwarten. Wenn ich gewinne, wäre das die Kirsche auf der Torte. Sollte es nicht klappen, werde ich mit meiner Saison trotzdem zufrieden sein. Ich habe viel gelernt und viel erreicht. Ich gehe mit großem Vertrauen in meine Fähigkeiten an den Start, nicht unbedingt mit dem Vertrauen, gewinnen zu können, sondern zehn Stunden Belastung zu bewältigen und auf dieser Distanz eine Leistung auf internationalem Niveau zu bringen. Ich möchte trotzdem keine unnötigen Risiken eingehen. Das sollen ruhig die anderen tun. Ich werde mich darauf beschränken, klug zu laufen.
Setzt Sie der Erfolg dieser Saison nicht im Gegenteil zusätzlich unter Druck?
2024 hatte ich ebenfalls eine sehr starke Saison und bin von Erfolg zu Erfolg gelaufen. Ehrlich gesagt entsteht dadurch nicht jedes Mal mehr Druck. Vielmehr wächst das Vertrauen, und ein positiver Kreislauf kommt in Gang. Am Start fühlt man sich dann manchmal unbesiegbar oder zumindest sehr stark. Ich gehe mit großem Vertrauen in meine Fähigkeiten in diese CCC, ohne mich deshalb für stärker als die anderen zu halten. Ich weiß einfach, dass ich 100 Kilometer im Gebirge schnell laufen kann. Und wenn am Freitag jemand stärker ist als ich, dann ist das großartig für ihn. Ich werde mich sehr für ihn freuen und gern von jemandem lernen, der besser ist als ich.
Auch Benjamin Roubiol gehört zu den Anwärtern auf den Sieg. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?
Ich freue mich sehr, ihn wiederzusehen. Ich schätze ihn unglaublich, wir sind befreundet, und in diesem Jahr sind wir noch kein Rennen gemeinsam gelaufen. Ich weiß, dass er dieselben Werte teilt wie ich und dass wir gemeinsam eine gute Zeit im Rennen haben können, weil unser Leistungsniveau sehr ähnlich ist. Wir sehen einander nicht als Hindernis auf dem Weg zum Sieg, sondern als jemanden, der dem anderen hilft, über sich hinauszuwachsen.