The Speed Project, ein Rennen der Extraklasse

The Speed Project, ein Rennen der Extraklasse

CP
Von Charles-Emmanuel Pean

Veröffentlicht am Mi., 9. September 2026

Aktualisiert am Mi., 9. September 2026

Zwischen Los Angeles und Las Vegas, quer durch die Wüste, gibt es ein Rennen, das mit keinem anderen vergleichbar ist. Keine offizielle Anmeldung, keine ausgeschilderte Strecke, nicht einmal ein Regelwerk. The Speed Project ist ein geheimes, beinahe illegales Abenteuer, das jedes Jahr Läufer aus aller Welt anzieht.

Außergewöhnlich: einzigartig, ungewöhnlich, selten, bemerkenswert, aus dem Rahmen fallend, ohnegleichen; unvergleichlich, beispiellos, unübertrefflich. Man könnte dieser Liste von Adjektiven, die perfekt auf das Speed Project passt, noch das Wort unnachahmlich hinzufügen. Das Rennen entstand 2013 im Kopf des Deutschen Nils Arend, der erste „offizielle“ Start erfolgte 2014. Was macht dieses Rennen über die 500 Kilometer zwischen Los Angeles und Las Vegas hinaus zu einem ganz besonderen Ereignis? The Speed Project hat keine offizielle Website, keine Anmeldung und keinerlei festgelegte Regeln für die Strecke zwischen den beiden US-Metropolen. Die Freiheit ist grenzenlos: bei der Streckenwahl, der Teamgröße, den Wechseln ... Genau das macht dieses Rennen einzigartig. Wie beim Einlass in einen angesagten Club läuft die Anmeldung über einen privaten WhatsApp-Link. Die Auswahl soll sich an einer einzigen Frage entscheiden: Warum wollt ihr das Speed Project laufen? Die Verbindung zwischen Nachtleben und Laufsport hat mit Nils Arends Vergangenheit zu tun, denn er war jahrelang im Berliner Nachtleben unterwegs. Dazu später mehr ...

Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Underground-Kultur in einer Welt, in der sie scheinbar aus der Mode gekommen ist, rund um eines der angesagtesten sozialen Phänomene des Westens neu erfindet und verändert: das Laufen. Manchmal wird The Speed Project mit Burning Man verglichen, dem jährlich in der Wüste Nevadas stattfindenden Festival. Es bringt Partygänger, Künstler und Sportler zusammen, die nach einer gewissen Anarchie suchen, verstanden als Abwesenheit von Regeln. „ Das heißt nicht, dass man gegen das Gesetz verstoßen darf, erklärt Nils Arend in einem Interview aus dem Jahr 2021, aber die Veranstaltung ist nicht offiziell genehmigt, es gibt keine Erlaubnis. Wenn die Polizei euch anhält, sagt ihr einfach: „Wir sind eine Gruppe von Freunden, die nach Vegas läuft.“

The Speed Project ist ein rohes, ungeschliffenes Abenteuer, das seinem künstlerischen Gründer ähnelt. Einen Eindruck davon gibt das Instagram-Profil des Rennens.

Ein Rennen, das es eigentlich nicht geben dürfte

The Speed Project ist eine echte Ausnahme in der vielfältigen Welt des modernen Laufsports. Weder offiziell genehmigt noch wirklich erlaubt, funktioniert es völlig anders als alles, was man von großen internationalen Rennen kennt. Und doch ist das Ereignis für die Läufer, die daran teilnehmen dürfen, schon jetzt legendär. Das Prinzip ist zumindest auf den ersten Blick einfach: 500 Kilometer zwischen dem Santa Monica Pier und dem berühmten Schild Welcome to Fabulous Las Vegas zurücklegen. Die meisten Teams laufen in der Regel zu sechst in einer Staffel, begleitet von einem Van, der ihnen durch die Wüste folgt. Die wichtigste Regel lautet allerdings, dass es fast keine Regeln gibt. Eine offizielle Strecke existiert nicht. Jedes Team sucht sich seinen eigenen Weg. Manche setzen auf die schnellsten Straßen, andere versuchen es auf direkteren, aber deutlich härteren Routen. Die einzige Vorgabe: So schnell wie möglich in Las Vegas ankommen.

Die Ausgabe 2026 von The Speed Project markierte vor allem im Solo-Format einen Wendepunkt. Der brasilianische Läufer Gabriel Bastos Barros, unter Freunden besser bekannt als Biel, stellte einen beeindruckenden neuen Rekord auf. Der tätowierte Läufer bewältigte die Strecke in 67 Stunden und 15 Minuten und erzielte damit die beste jemals auf dieser Distanz gelaufene Solozeit. Biel, ein in Berlin lebender Künstler und Ultraläufer, verkörpert die experimentelle DNA des Rennens. Ein Sieger, der wie geschaffen dafür war, seinen Namen in die Geschichte des Speed Project einzuschreiben. Ein Sieger mit dem Hoka-Logo auf der Brust. Der Beweis, dass der Underground nie lange Underground bleibt ...

Die Läufer durchqueren Wüstenlandschaften, die von der Hitze flirren. Sie teilen sich die langen Geraden mit Lastwagen, die mit hohem Tempo vorbeiziehen, und begegnen streunenden Hunden in der Wüste ... Eine einzigartige Erfahrung, ein Moment vollkommener Freiheit inmitten einer rauen, ungezähmten Natur, eine Auszeit, in der die Regeln des Alltags verblassen.

Nils Arend, von Raves zu Races

Hinter diesem außergewöhnlichen Abenteuer steckt eine Figur, die das Geheimnisvolle liebt: Nils Arend. Arend wurde in Deutschland geboren, lebt aber seit rund 15 Jahren in Kalifornien. Damals sprach er kaum Englisch und hatte wenig Geld. Um Los Angeles kennenzulernen, begann er zu laufen. Sehr viel. Schon seine persönliche Geschichte mit dem Laufen war ein Akt des Ungehorsams: „Im Internat schlichen wir uns nachts raus, um zu feiern. Mit meinen Kumpels versteckten wir Laufklamotten in Büschen, bevor wir loszogen. Morgens kamen wir zurück, zogen uns um und taten so, als wären wir laufen gewesen.“

In den USA war er vor allem mit Surfern und Kreativen unterwegs, während er in der Werbebranche arbeitete. Als ein Freund ihn bat, ein Rennen zu organisieren, begann sein Straßenlauf-Abenteuer mit der Strecke von Long Beach nach Manhattan Beach über 56 Kilometer. „Mir gefiel, dass man dabei durch ganz unterschiedliche Landschaften kam: Industriehäfen, die Klippen von Palos Verdes, Badeorte ...“ sagt Nils Arend. Eines Tages kam ihm dann die Idee: „ Was wäre, wenn wir bis nach Las Vegas laufen?“ Wir schreiben das Jahr 2013, der Anfang des Speed Project. Sechs Läufer standen am Start. Im Jahr darauf wurde das Abenteuer mit weiteren Teams fortgesetzt. Heute zieht die Veranstaltung Läufer aus mehr als 30 Ländern an. Arend will den ursprünglichen Geist des Rennens dennoch bewahren. Noch immer gibt es keine Website. Kein öffentliches Anmeldeformular. Keine Werbung.

Was soll man davon halten, ausgerechnet vom ehemaligen Werber, der für zahlreiche Agenturen in Deutschland und den USA gearbeitet hat?

Der einzige Zugang führt über ihn. Einladungen werden per Mundpropaganda oder über WhatsApp weitergereicht. Für Arend ist dieses Rennen nicht bloß ein sportlicher Wettkampf. Es ist eine Subkultur. Eine andere Art, Laufen zu denken. Seine Punk-Ästhetik, die auf seine Jugend zurückgeht, als er in Deutschland Raves an verlassenen Orten veranstaltete, prägt das gesamte Abenteuer. Beim Starttreffen empfängt er die Läufer vor einer Tür, auf der in blauen Klebebandbuchstaben steht: „ F--- you and your rules “ Beim Briefing vor dem Rennen herrscht an diesem Ort eine ausgesprochen Berliner Atmosphäre.

Ein Abenteuer, das etwas sichtbar macht

Jedes Jahr folgen Läufer aus aller Welt diesem Ruf. Erfahrene Marathonläufer, Influencer, Aktivisten, Künstler ... Manche kommen mit sportlichen Ambitionen, wie Biel in diesem Jahr. Andere wollen dieses Abenteuer einfach erleben. Sie alle verbindet die Neugier darauf, was passiert, wenn man Dutzende Stunden ohne Schlaf läuft. In der Wüste wirkt die Erschöpfung wie ein Brennglas. Die Stille wird länger. Gefühle brechen unvermittelt hervor. Und dann gibt es diese schwebenden Momente, wie sie nur große Reisen schenken: ein Sonnenaufgang über einer leeren Straße in Nevada, das Rauschen des Windes auf dem glühenden Asphalt, das seltsame Gefühl, mitten im Nirgendwo zu laufen, umgeben von ein paar Freunden. Die Weite Amerikas hält solche Schätze bereit und zieht Menschen auf der Suche nach einer ganz eigenen Freiheit weiterhin an.

The Speed Project trotzt Zeit und Raum. Und weckt in uns den unstillbaren Wunsch herauszufinden, wohin uns diese Straße führen kann, die in der Wüste verschwindet.

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