Diagonale des Fous 2026: Wer folgt auf Baptiste Chassagne und Blandine L’Hirondel?
Ohne die Titelverteidiger ist die Diagonale des Fous so offen wie nie zuvor. Der neu gestaltete und verlängerte Kurs dürfte auf La Réunion für eine denkwürdige Auseinandersetzung sorgen: hungrige Rookies treffen auf erfahrene Läufer, die auf Wiedergutmachung brennen. Die Favoriten wenige Tage vor dem Start.
Bei den Männern wird die Diagonale des Fous in Abwesenheit der sieben letzten Sieger zwangsläufig einen neuen Namen krönen. Das ist keineswegs respektlos gegenüber Antoine Guillon, dem Sieger von 2015, der bereits sieben Podestplätze vorzuweisen hat und auch bei dieser Ausgabe an den Start geht. Der neue Champion wird sich unter den 2.839 Gemeldeten der Ausgabe 2026 finden.
Die Frage ist, wer sich auf La Réunion besser durchsetzen kann: die Rookies oder die erfahrenen Teilnehmer des Rennens. Denn die Franzosen Baptiste Chassagne, Mathieu Blanchard, Benat Marmissole, Ludo Pommeret, Aurélien Dunand-Pallaz sowie der Italiener Daniel Jung, die sieben letzten Ausgaben gewonnen haben, fehlen diesmal.
Hungrige Rookies und erfahrene Läufer auf Wiedergutmachung
Der Brite Tom Evans (Asics) gehört angesichts seiner Vita logischerweise zu den Favoriten. Seine bislang enttäuschende Saison spricht allerdings nicht unbedingt für ihn. Bei der Hardrock 100 musste er höhenbedingt vor Kilometer 100 aufgeben. Anschließend setzte ihn ein Magen-Darm-Virus außer Gefecht und kostete ihn den Start beim UTMB Mont Blanc. Immerhin wird der Brite frisch an der Startlinie stehen. Dafür fehlt ihm die Rennerfahrung auf diesen ganz besonderen Wegen.
Ganz anders sieht es beim Schweizer Jean-Philippe Tschumi (Kailas Fuga) aus, dessen Name bei der Favoritensuche sofort fällt. Im vergangenen August gelang es Tschumi endlich, den UTMB zu finishen, der sich ihm so lange verweigert hatte. Am Ende wurde er Zehnter. Schafft er es nun, bei dieser Diagonale des Fous ganz oben auf dem Podium zu stehen, nachdem er 2024 und 2022 jeweils Zweiter und 2023 Dritter geworden war? Zu wünschen wäre es ihm. Selbstvertrauen dürfte der Schweizer jedenfalls reichlich mitbringen.
Der Franzose Vincent Esmiol (Kiprun) ist weder Neuling auf der Diag’ noch ein alter Hase. Bei seiner ersten Teilnahme wurde er im vergangenen Jahr Sechster. Ein Fingerzeig ist das allemal. Seine Vorbereitung führte ihn Ende Juli an die Spitze des UTOBI, inklusive Streckenrekord über 72 km und 4.300 Höhenmeter. Zuvor hatte er bereits den MIUT dominiert und ein Jahr zuvor die Integral der Echappée Belle gewonnen, diesen ebenso beeindruckenden Felsbrocken-Marathon.
Ebenfalls aus dem französischen Mutterland kommt Hugo Deck (Adidas). Für seine Premiere auf La Réunion reiste er früh an, um das unbekannte Terrain zu erkunden, die Schlüsselstellen zu besichtigen und sich zu akklimatisieren. Die drei Wochen dürfte er außerdem genutzt haben, um seinen Sommersieg über 75 km beim KAT 100 by UTMB in Österreich zu bestätigen. Hinzu kommen seine beiden Siege bei der MaXi Race 2025 und 2026.
Gautier Airiau (Scott) könnte dagegen für eine Überraschung sorgen. Seine Klasse auf technisch anspruchsvollem Terrain hat er mit zweiten Plätzen über 110 km beim Restonica Trail 2026, beim MIUT 2026 und bei der TDS 2025 unter Beweis gestellt.
Die alten Hasen Thibaut Baronian (Salomon) und Thibaut Garrivier (Hoka) werden sich davon wohl kaum beeindrucken lassen. Baronian ist erst vor Kurzem nach einer Knieoperation und zwei verletzungsreichen Jahren in den Wettkampf zurückgekehrt. Sein zweiter Platz beim Trail des Aiguilles Rouges Ende September hat ihn wieder ins Rennen gebracht. Aber reicht das schon für eine Spitzenplatzierung?
Thibaut Garrivier macht dagegen nie viel Lärm um sich. Auf sein Talent und seinen Trainingsfleiß ist jedoch Verlass. Er wird bestens vorbereitet an der Startlinie stehen.
Auf die Unterstützung der Einheimischen darf sich sicher Léo Rogaume (Kailas Fuga) freuen. Er hat lange auf der Insel gelebt und kennt sie wie seine Westentasche. Als Dritter der TDS 2025 und zweimaliger Top-20-Läufer der Diagonale des Fous, 2022 auf Rang 18 und 2023 auf Rang 16, könnte ihn seine kontinuierliche Entwicklung nun näher an die vorderen Plätze bringen.
Der große Hoffnungsträger für La Réunion ist Fabrice Payet. 2025 und 2023 wurde er jeweils Sechster bei der Diag’. 2025 gewann er auf seiner Heimatinsel den Ultra Trail des Géants, ein Rennen mit ähnlichen Dimensionen wie die Diag’ 2026: 180 km und 9.700 Höhenmeter. Im vergangenen Mai setzte er sich auf heimischem Boden außerdem beim Raid 974 über 101 km und 5.800 Höhenmeter durch. Ihn sollte man also genau im Auge behalten. Der Belgier Jérôme Vanderschaeghe (Asics), im vergangenen Jahr Fünfter und 2022 Siebter bei der Diagonale des Fous, darf nach seinem Sieg beim Monte Rosa by UTMB 2026 ebenfalls auf mehr hoffen.
Zu den weiteren Außenseitern zählen Josh Wade (The North Face), der US-Amerikaner und Dritte des UTMB 2025, der La Réunion erstmals kennenlernen wird, sowie die Franzosen Rémi Berchet (2023 Fünfter hier) und Martin Kern (Arcteryx), der 2024 Fünfter wurde. Der Schweizer Diego Pazos wird dagegen vor allem die guten Erinnerungen an seine vierten Plätze von 2015, 2017 und 2024 auffrischen. Diesmal läuft er gemeinsam mit seiner Frau Maya. Den Druck überlässt er also den anderen.
Ruth Croft ist bei den Frauen die klare Favoritin
Das Frauenfeld steht dem der Männer in puncto Klasse in nichts nach. Erst recht nicht seit der Ankündigung, dass die aktuelle Nummer eins der Ultra-Trail-Weltrangliste, die Neuseeländerin Ruth Croft (Adidas), an den Start geht.
Zwei Tage vor dem UTMB Mont-Blanc 2026 musste sie absagen, um zu ihrer Mutter nach Hause zu fliegen. Die UTMB-Siegerin von 2025 nutzte die Zeit anschließend für einen einmonatigen Laufaufenthalt in ihrer Heimat, unter anderem im Arthur Pass National Park. Es ist kaum vorstellbar, wer sie beunruhigen könnte, zumal sie in den sozialen Medien schrieb, sie habe sich in ihrer Karriere «noch nie so gut gefühlt». Auch wenn sie diese Trails noch nie gelaufen ist …
Eine dieser ernsthaften Herausforderinnen der Neuseeländerin hätte Marianne Hogan sein können. Die Kanadierin aus dem Team Salomon wurde im Juni 2026 Dritte bei den Western States und zog sich leider vier Wochen vor dem Grand Raid einen Riss der Wadenfaszie zu. Sie musste 15 Tage mit dem Laufen aussetzen und konnte erst eine Woche vor dem Start wieder einsteigen. Aber wer weiß, was mit ihrer bekannten Willensstärke möglich ist …
Auch die Französinnen Sarah Vieuille (Kiprun) und Manon Bohard (Hoka) dürften um die vorderen Plätze kämpfen. Vieuille lieferte eine beeindruckende Vorstellung ab und gewann die jüngste TDS. Die Diagonale kennt sie bestens: Zweimal wurde sie bereits Vierte, 2022 und 2025.
Auch die Jurassierin Manon Bohard kennt die Tücken von La Réunion bestens, schließlich gewann sie das Rennen 2024. Nach einem durch einen Ermüdungsbruch am Kreuz-Darmbein-Gelenk im Becken beeinträchtigten Saisonstart fand sie im August mit dem Sieg bei der Integral der Echappée Belle wieder zu alter Stärke zurück.
Die Französin und Inselbewohnerin Émilie Maroteaux hat das Rennen ebenfalls schon gewonnen, 2021, und legte 2023 mit einem dritten Platz nach. Nachdem sie im vergangenen Jahr aufgeben musste, scheint sie 2026 wieder in Form zu sein: Im Juli wurde sie Dritte beim Restonica Trail über 110 km und 7.200 Höhenmeter, anschließend gewann sie den Raid 974.
Auch Claire Bannwarth (Fuga) hat nach einer unumgänglichen Operation an einer Fußgす的?
Die Deutsche Eva Sperger (Salomon) kommt nicht auf unbekanntes Terrain: Die Psychotherapeutin wurde beim Grand Raid 2023 bereits Vierte.
2024 wurde sie Zweite bei der TDS, zu Saisonbeginn gewann sie die Ultra Snowdonia. Die Schweizerin Ariane Wilhem (Compressport) fühlt sich auf anspruchsvollen Strecken und bei schwierigen Bedingungen besonders wohl, wird La Réunion aber erstmals erleben.
Das gilt auch für die US-Amerikanerin Alyssa Clark (On), die eine starke Saison 2026 hinlegt: mit einem dritten Platz bei der TDS 2026 und einem zweiten beim Canyon Endurance Runs.
Ebenfalls am Start ist mit der Pyrenäenläuferin Jocelyne Pauly eine weitere ehemalige Siegerin. Sie gewann 2018 und begleitet diesmal ihren Bruder auf der Strecke, ohne selbst auf eine reine Performance aus zu sein.